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Die Bedeutung von Batto Giri in der Schwertkunst

 

Von Günther Fleischer
Okuden Shihan (Takeda Ryu Kobilza Ha)


Die Takeda-Schule (Takeda Ryu) ist die älteste, noch erhaltene Schule (Stilrichtung) japanischer Kampfkünste (Budo), die heute nur noch in einigen Branchen (Ha) mit unterschiedlichen Inhalten und Zielen weiterlebt. In der ISTB, wo Takeda Ryu Kobilza Ha gelehrt wird, steht neben dem Sobudo-Gedanken, also der Erfassung der Kampfkünste in ihrer Gesamtheit, das Streben nach größtmöglicher Authentizität bzw. Praxisnähe in den einzelnen Disziplinen im Vordergrund. Der Weg der Übung (Do) führt daher in allen Disziplinen über das Erlernen der Grundlagen sowie der Grund- und Variationstechniken zur freien Anwendung derselben in der Kampfübung. Zwar geht es bei dieser für den Budoka heutzutage nicht mehr wie einst um die Frage des Überlebens, sondern um die Entwicklung spezieller Fähigkeiten, die beim Üben der formal festgelegten Abläufe (Kata) nicht benötigt und daher auch nicht gefördert werden. Die im Kampf erforderlichen Fähigkeiten wie das blitzschnelle Reagieren, gutes Timing, ein sicheres Distanzgefühl, strategisches Handeln u.v.m. können am besten in der freien Anwendung erarbeitet und erprobt werden. Ein erforderliches Mindestniveau der Praktizierenden und genau definierte Regeln für die einzelnen Übungen ermöglichen in unserer Schule ein freies Kampftraining ohne großes Verletzungsrisiko.

 

 

Batto Giri - das Erleben des realen Schneidens

 

In der Schwertkunst der Takeda-Schule, also im Iaido und im Kendo, wird ebenfalls eine Reihe von Fähigkeiten für das freie Kämpfen in den dafür vorgesehenen Kampfübungen entwickelt. Im Kendo Shiai steht das Schwertfechten im Vordergrund, im Iaido Batto Shiai sind es die Geschwindigkeit und die Genauigkeit des Ziehens und Schneidens. Beide Wettkampfformen werden allerdings unter Bedingungen durchgeführt, die auf gewisse Aspekte der Schwertkunst zugunsten der Betonung anderer verzichten. Im Kendo wird beispielsweise der Schnitt mit dem Schwert durch einen Schlag mit dem Shinai ersetzt, wodurch die Bewegung im Vergleich zum Iaido-Schnitt kürzer und der Schlagabtausch schneller wird, was vor allem die Reaktionsschnelligkeit erhöht. Im Batto Shiai wiederum stehen die Gegner einander auf übergroßer Distanz gegenüber und führen wie auch in den Kata-Bewerben Schnitte durch, ohne den anderen oder dessen Schwert zu berühren, also ohne den Widerstand eines Objekts zu spüren und direkt zu erleben, ob wichtige Faktoren wie Distanz, Schwertführung, Bewegung u. a. stimmen. In der Takeda-Schule wird daher auf fortgeschrittenem Niveau zusätzlich Batto Giri unterrichtet. Dadurch werden dem Iaidoka auf Dan-Niveau das Erleben des realen Schneidens und das Gewinnen von wertvollen Erfahrungen im Umgang mit dem echten Schwert ermöglicht, ohne die eine Meisterschaft in der Schwertkunst nicht denkbar ist.

 

Die Bezeichnung "Batto Giri" beschreibt, worum es dabei geht: Batto = Ziehen und Giri = Schneiden. Man übt also hierbei wie auch sonst im Iaido das schnelle Ziehen und präzises Schneiden aus verschiedensten Ausgangssituationen sowie die sichere Rückführung des Schwertes, jedoch mit dem wesentlichen Unterschied, dass man hier mit dem scharfen Schwert agiert. Die Schneideobjekte sind in der Regel in Wasser getränkte Rollen (Maki) aus jenen Strohmatten (Tatami omote), die man zur Erzeugung der japanischen Tatami verwendet. Für Übungen auf höherer Ebene werden manchmal zusätzliche Maßnahmen getroffen (z.B. Maki mit Bambuskern oder aus mehreren Matten gefertigt), um den Widerstand der Rollen noch zu erhöhen.

 

 

Batto Giri - Tameshi Giri: Was ist der Unterschied?

 

Die Begriffe Batto Giri und Tameshi Giri werden leider häufig fälschlicherweise synonym verwendet, obwohl es sich um zwei grundsätzlich verschiedene Dinge handelt. Batto Giri, wo es um das schnelle Ziehen und effiziente Schneiden geht, ist eine Übung und ein Test für den Schwertmann, der damit seine Geschicklichkeit mit dem Schwert überprüft und weiterentwickelt. Tameshi Giri, das Testschneiden, ist hingegen ein Test für das Schwert (Tameshi = Versuch, Test), wobei man mit einem neuen Schwert bestimmte Schnitte ausgeführt hat (im alten Japan oft auch an den toten Körpern von exekutierten Verbrechern), um die Qualität des Schwertes zu prüfen, daher fehlen hier die im Batto Giri geforderten Elemente der Schwertkunst.

 

Eine Batto Giri Kata beinhaltet:

 

  • Maai - die (spontane Wahl der richtigen) Distanz
  • Batto - das Ziehen des Schwertes
  • Kiri Waza (Giri) mit Taisabaki - die Schnitte bzw. Schnittkombinationen mit der entsprechenden Körperbewegung
  • Zanshin Kamae - Wachsamkeitshaltung (entfällt bei Schnitten im Gehen, Laufen oder Springen)
  • Chiburi - das Blutabschlagen (stehend oder in Bewegung)
  • Noto - die Schwertrückführung (stehend oder in Bewegung)

 

 

Was lernt man durch Batto Giri?

 

Ein Iaidoka, der ins Batto Giri eingeführt wird, erweitert, wie oben bereits dargelegt, seine Erfahrungen um eine Reihe neuer Aspekte. Während Fehler mit einem Iaito meist keine oder nur geringe Verletzungen zur Folge haben, kann bereits eine kleine Unachtsamkeit mit dem Shinken zu ernsthaften Verletzungen führen. Der sichere Umgang mit einem Shinken erfordert daher höchste Aufmerksamkeit, ein ausgeprägtes Bewusstsein und absolute Präzision des Übenden. Mit einem Shinken zu arbeiten, stellt einen wichtigen Entwicklungsschritt für jeden Iaidoka dar. Letztlich kann man auch nicht von Schwertkunst sprechen, wenn diese Kunst den geschickten und sicheren Umgang mit dem echten Schwert nicht beinhaltet.

 

Die Erfahrung des realen Schneidens hilft also dem Übenden, Fehler wahrzunehmen, die bei der Arbeit mit dem Iaito oft verborgen bleiben. Solche Fehler beim Ziehen (Batto) oder beim Halten bzw. Handhaben des Schwertes (Te no uchi) führen ebenso wie eine falsch eingeschätzte Distanz oder die schlechte Koordination von Körperbewegung und Schnitt unweigerlich zu Fehlern beim Schneiden wie z.B.:

 

  • Steckenbleiben mit dem Schwert in der Maki
  • nicht vollständiges Durchschneiden der Maki
  • unsaubere, kurvenförmige Schnitte
  • die Maki wird aus der Verankerung gerissen
  • Umwerfen des Ständers
  • Verlust der Kontrolle über den Körper beim oder nach dem Schnitt (Probleme mit dem Gleichgewicht oder mit dem korrekten Taisabaki)
  • Verlust der Kontrolle über das Schwert beim oder nach dem Schnitt

 

Wichtig für den Erfolg ist dabei, dass der unterrichtende Sensei die Gesamtheit der Iaido-Kata nicht aus den Augen verliert und den Fokus nicht zu sehr auf das Durchschneiden der Maki richtet. Im Idealfall spielt bei einer gut ausgeführten Übung das Vorhandensein der Maki keine Rolle, und die Kata sollte ohne übermäßige Hast, Spannung oder Kraft und trotzdem mit absoluter Kontrolle über das Schwert und den eigenen Körper ausgeführt werden.

 

 

Wie lernt man Batto Giri?

 

Batto Giri ist eine technisch äußerst anspruchsvolle Übungsform. Zwar kann jede(r) ein scharfes Schwert kaufen und sich damit an beliebigen Objekten versuchen, für seine/ihre Fertigkeiten in der Schwertkunst wird dies allein nicht besonders förderlich sein. Als Voraussetzung sind grundlegende Kenntnisse und Fertigkeiten im Iaido erforderlich, die sich unsere Schüler in einem jahrelangen, ernsthaften Training erwerben. Erst auf Dan-Niveau werden sie dann durch erfahrene Lehrer (Shihan) schrittweise in die Materie eingeführt. Obwohl für die Einstiegsübungen gewöhnlich dünnere Rollen (Maki) verwendet werden, für die nur ein geringes Maß an Kraft notwendig ist, neigen Anfänger dennoch dazu, technische Schwächen durch Kraft auszugleichen. Manchmal kann dadurch die Maki zwar durchgeschnitten werden, die daraus gewonnene Erfahrung wirkt sich jedoch negativ auf die technische Entwicklung des Übenden aus. Eine ausreichende technische Basis und die Supervision durch einen erfahrenen Sensei sind daher unbedingt erforderlich.

 

Unsere Schule zeichnet sich durch ein klar durchdachtes und strukturiertes Unterrichtskonzept aus, das den Lernenden schrittweise auf neue Aufgaben vorbereitet. So werden für Batto Giri die ersten Einzelschnitt-Kata (Itto Giri Kata) mit dem Iaito (Übungsschwert, nicht scharf) geübt. Die ersten realen Schnitte erfolgen dann im Stehen an Hanmaki (halben Rollen) und erst später an Ippon Maki (ganzen Rollen), die entsprechend mehr Widerstand bieten.

 

Als Basisschnitte werden Abwärtsschnitte (Sage Giri), Aufwärtsschnitte (Age Giri) und horizontale Schnitte (Suihei Giri) in formal festgelegten Abläufen (Kata) unterrichtet. Itto Giri Kata können auch mehrere Schnitte beinhalten, die aber als Einzelschnitte ausgeführt werden, d.h. dass zwischen den einzelnen Schnitten das Schwert in die Saya (Schwertscheide) zurückgeführt und neuerlich gezogen werden muss.

 

Bei den kombinierten Schnitten werden nach dem Ziehen mehrere Schnitte ausgeführt, wobei in der Regel 2 bis 3 Schnitte miteinander verbunden werden (Ni-, Sandan Giri), in Sonderfällen können es bisweilen 4 bis 5 Schnitte sein. Das Ausführen einer größeren Anzahl von Schnitten führt allerdings dazu, dass die eigentlichen Merkmale des Batto Giri, nämlich das schnelle Ziehen und sofortige Schneiden, in den Hintergrund treten.

 

Die nächsten Lernschritte sind dann Einhandschnitte (Katate Giri) und Schnitte im Gehen (Hoko Giri), Laufen (Shippu Giri) und Springen (Hien Giri) sowie die Steigerung von Ippo Giri (Schneiden in eine Richtung) zu Niho und Shiho Giri (Schneiden in zwei bzw. vier Richtungen mit entsprechender Anzahl von Maki). Durch das Kombinieren der verschiedenen Übungsaufgaben (z.B. Itto+Katate+Hoko oder Nidan+Shippu etc) kann der Schwierigkeitsgrad noch weiter erhöht werden. Auf sehr fortgeschrittenem Niveau üben wir auch unter zusätzlich erschwerten Bedingungen wie an hängenden oder frei aufgestellten (also nicht befestigten) Maki, oder wir erhöhen den Widerstand durch Veränderung der Maki (z.B. Maki mit Bambus als Kern oder aus mehreren Matten gefertigte Maki), und schließlich gibt es in unserer Schule noch die Formen des Makko Giri, Schnitte an meist mehreren horizontal gestapelten Maki) und die Kiba Batto Giri, traditionelle Techniken, die ursprünglich zu Pferde ausgeführt wurden, heute aber stehend an 2 Maki geübt werden.

 

 

Batto Giri und die Schwertstrategie der Takeda-Schule

 

Alle Schnitte bzw. Schnittkombinationen werden beim Batto Giri mit einer entsprechenden Körperbewegung (Taisabki) ausgeführt. Bei Schnittkombinationen werden Schnitte nicht einfach beliebig aneinandergereiht, sondern bilden jeweils einen Teil einer strategischen Einheit. In den Schnittkombinationen muss sich also die Schwertstrategie der Schule widerspiegeln. Ein bloßes Dastehen bei der Ausführung mehrerer Schnitte ergibt keinen Sinn, denn es fehlt die strategisch abgestimmte Bewegung. Wie in allen unseren Disziplinen verbindet auch die Batto Giri-Übung auf höherem Niveau bereits bekannte mit neuen Aspekten. Schnitte und Schnittkombinationen, richtiges Taisabaki und die Strategien sind aus dem Iaido Kihon- und Koryu-Training bekannt. Neu hinzu kommt im Batto Giri, dass die bis dahin erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten nun mit einem Shinken und der zusätzlichen Aufgabe des realen Schneidens umgesetzt werden müssen.

 

 

Batto Giri Shiai - Schneiden als Wettkampf

 

In der Takeda-Schule ist der Wettkampf nie Selbstzweck, er dient immer dem Lernen. Der Batto Giri-Wettkampf wird in 3 Runden durchgeführt, in denen vorgegebene und frei wählbare Kata vorgeführt werden müssen. Bewertet wird die gesamte Kata vom Ziehen bis zum Zurückführen des Schwertes, wobei die Ausführung der Schnitte (Kiri Waza inkl. Taisabaki) und die Ausführung der übrigen Elemente (Batto, Zanshin, Chiburi und Noto) zu je 50% in die Wertung einfließen. In einer fixen Tabelle werden die einzelnen Schnitte und technischen Elemente, die eine Kata beinhalten kann, mit einem Faktor für ihren technischen Gehalt aufgelistet. Der Schwierigkeitsgrad der gesamten Kata wird durch einen Gesamtfaktor widergespiegelt, der sich als Summe der Einzelfaktoren der in der Kata enthaltenen Elemente errechnet. Als zusätzlicher Faktor wird ein Zeitlimit vorgegeben, dessen Überschreitung zu einem Punkteabzug führt. Durch diese knapp bemessene zeitliche Begrenzung sollen die Wettkämpfer dazu angeregt werden, im Sinne unseres Iaido den gesamten Umgang mit dem Schwert zu perfektionieren und den Fokus nicht allein auf das Schneiden an sich zu richten.

 

Der Batto Giri Shiai unterscheidet sich von den meisten anderen Wettkampfformen dadurch, dass es keine andere Person als Gegner gibt. Man kämpft allein gegen die eigenen Unzulänglichkeiten. Ziel ist das Erreichen der höchstmöglichen Perfektion im Umgang mit dem echten Schwert. Ein Verbergen von Fehlern ist hier praktisch unmöglich. Diese Auseinandersetzung mit sich und seinen Grenzen führt den Übenden hin zur Grundidee des Budo, nämlich zur Entwicklung der Persönlichkeit durch die Auseinandersetzung mit sich selbst. So fördert der Batto Giri Shiai mehr als jede andere Wettkampfform die charakterliche Entwicklung des Budoka.

 

 

 

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