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Bujutsu oder Budo?

 

by Siegfried Kobilza

 

Diese Frage scheint für viele Budoka von besonderer Wichtigkeit zu sein ungeachtet, welche Budo-Disziplin sie selbst praktizieren bzw. welcher Organisation sie angehören. Die Diskussionen darüber erreichen bisweilen sogar das Ausmaß eines „Weltanschauungsstreites", wobei interessanterweise zu beobachten ist, dass diese „philosophische" Auseinandersetzung praktisch nur in den Ländern außerhalb Japans, nicht aber in Japan selbst geführt wird.

 

Weil es nun einmal so ist und weil auch unsere eigenen Mitglieder sich Hilfe suchend mit dieser Frage an mich gewandt haben, will ich nun hier einen Beitrag zur Klärung derselben leisten, das heißt, ein paar Fakten und Gedanken darlegen, die es dem Leser vielleicht ermöglichen, dass er sich diese Frage schließlich selbst beantworten kann.

 

Im Lexikon findet man zunächst über „jutsu":
術 (jap) = Kunst {art}, Mittel {means}, Weg, Möglichkeit, Lösung {way}; Technik (System, Ausführung) {technique};
術 (chin) = Kunst, Geschick, Fachwissen, Können; Methode, Taktik (System, um ein Ziel zu erreichen); Taktik (Truppenführung).

 

Über „do" kann man Folgendes erfahren:
道 (jap) = Weg, Möglichkeit, Lösung {way} Methode {method}

道 (chin. „tao") = Weg, Pfad, Möglichkeit, Lösung {way, path } Methode {method}; Doktrin, Lehre {doctrine}; Prinzip {principle}.

 

Zunächst erscheint es uns, als wären die Bedeutungen dieser Zeichen deckungsgleich, dennoch gibt es unterschiedliche Interpretationen basierend auf der geschichtlichen Entwicklung in Japan, welcher natürlich auch die Praxis der Kampfkünste unterworfen war. Gemeint ist hier der allmähliche Niedergang des Kriegshandwerks und damit auch der Samurai nach Ende des „Zeitalters der Kriege" (Sengoku Jidai) bzw. mit Beginn der Edo-Zeit (1603), in der die „schönen Künste" (wie Malerei, Musik und Literatur) zur Hochblüte gelangten. Dieser Niedergang des Kriegierklasse bewirkte einerseits einen Rückgang der Zahl best ausgebildeter Samurai, andererseits erfuhr die Kampfkunstpraxis langsam einen Sinneswandel weg vom Kriegerischen und hin zu einer Übungsform, deren Zweck vor allem auf den Ausübenden selbst gerichtet war und neben Körper und Geist auch seine Persönlichkeit stärken sollte.

 

Diese nahezu drei Jahrhunderte fortschreitende Entwicklung erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt mit der Gründung des Kodokan durch Kano Jigoro (1882), der ganz bewusst den erzieherischen Aspekt des „neuen" Judo hervorhob, indem er „jutsu" vom ursprünglich praktizierten Jujutsu durch „do" ersetzte, den taoistischen Begriff, der den Weg als philosophisches Prinzip gleichsam als Lebensweg beschreibt. Damit war die Abkehr vom ursprünglich reinen Kriegshandwerk (bujutsu), das in Japan inzwischen in Verruf geraten war, hin zu Kampfkunstübungen mit dem Ziel der eigenen körperlichen und geistigen Entwicklung vollzogen. Hatte man früher, als die Kampfkünste noch als Kriegskünste entwickelt und gelehrt wurden, die verschiedenen Disziplinen mit „jutsu" (kenjutsu, naginatajutsu, jojutsu, aikijutsu etc) bezeichnet so ging man nach Kano mehr und mehr dazu über, diese mit „do" (kendo, naginatado, jodo, aikido etc) zu bezeichnen, um damit auch eine an Kano angelehnte Geisteshaltung im Bezug auf die eigene Budo-Praxis zu demonstrieren.

 

Die heutigen Kampfkunstorganisationen sind selbstverständlich auch keine militärischen oder paramilitärischen Ausbildungsstätten und haben im wesentlichen auch in etwa die gleichen Zielsetzungen, deren wesentlichster Punkt wohl die positive geistige und körperliche Entwicklung der ausübenden Mitglieder ist. So gesehen repräsentieren sie, soweit sie auf der japanischen Tradition beruhen, zweifellos die „do"-Formen unabhängig davon, wie sie tatsächlich ihre Kampfdisziplin(en) selbst benennen, denn ihr Ziel ist es nicht wie einst im alten Japan, gut ausgebildete Krieger hervorzubringen, sondern die persönliche Entwicklung ihrer Mitglieder zu fördern. Diese neue Ausrichtung als Ergebnis der historischen Entwicklung in Japan einerseits und der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung in der westlichen Welt, wo sich heute die japanischen Kampfkünste großer Beliebtheit erfreuen, führte natürlich auch dazu, dass sich die technischen Inhalte der verschiedenen Bujutsu Ryu bzw. Budo Ryu ebenso geändert haben wie auch die Praxis des Trainierens, ein Thema, das ich hier nicht weiter vertiefen möchte.

 

In der ISTB sind zwar die Bezeichnungen mit "-do" (aikido, iaido, jodo) bevorzugt verwendet, weil auch wir Budo als körperliche und geistige Ertüchtigung sowie zur Persönlichkeitsentwicklung praktizieren und weil wir aus einer Tradition heraus entstanden sind, wo diese Bezeichnungen bereits eingeführt waren. Trotzdem werden von unseren Teilorganisationen manchmal auch die Bezeichnungen aikijutsu, iaijutsu oder jojutsu verwendet, um gewissen Konflikten oder Verwechslungen mit anderen Organisationen und deren Budo-Disziplinen auszuweichen, wenngleich es kein Exklusivrecht auf eine bestimmte Bezeichnung gibt.

 

Als Aikido-Organisation sind wir zwar manchmal mit dem weit verbreiteten Irrtum konfrontiert, dass viele in der Budo-Szene glauben, Aikido wäre von Ueshiba Morihei erfunden worden, was wohl auf den hohen Verbreitungsgrad des Ueshiba-Aikido zurückzuführen ist, daher wird dann auch automatisch angenommen, dass alles mit der Bezeichnung Aikido Ueshiba-Stil Aikido wäre, was jedoch falsch ist, denn Ueshiba kreierte lediglich einen der existierenden Aikido-Stile, aber wir verstehen diesen Irrtum und sehen diese Frage mit Toleranz und Gelassenheit. Es braucht wohl in dieser Sache künftig einfach mehr Aufklärungsarbeit.

 

 

 

 

 

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